Einen Bestseller schreiben lassen

So absurd diese Vorstellung ist, man könne gezielt Bestseller schreiben oder sich solche schreiben lassen, so aussichtslos ist es auch, sie ausrotten zu wollen. Gäbe es ein Patentrezept für Bestseller, würde dieses wahrscheinlich jeder benutzen – womit das Rezept auch schon wieder nutzlos wäre, denn nicht jedes Buch kann ein Bestseller sein.

Bestsellerlisten sind die Spitze des Eisberges auf dem Buchmarkt. Zigtausende Manuskripte landen jedes Jahr unverlangt auf den Schreibtischen von Verlegern. Ein winziger Bruchteil davon wird überhaupt veröffentlicht, das meiste davon landet auf dem Stapel für die Absagen und anschließend im Papierkorb. Ein weiterer winziger Bruchteil der veröffentlichten Bücher, also des winzigen Bruchteils, der nicht auf dem Stapel für die Absagen gelandet ist, trifft den Nerv der Zeit und erfüllt die Kriterien für einen Bestseller, die da wären, mit dem richtigen Stoff, der richtigen Geschichte zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Eigentlich ganz einfach, oder?

Worauf ich hinaus möchte ist: Ob es ein Buch jemals auf irgendwelche Bestsellerlisten schafft oder nicht, hängt so gut wie gar nicht von der schreiberischen Umsetzung ab – immer unter der Voraussetzung, dass diese ordentlich und professionell gemacht ist, denn alles andere landet sowieso auf dem Stapel für die Absagen. Es geht einzig und alleine darum, mit dem richtigen Stoff, der richtigen Geschichte zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Und natürlich auch nicht unbeträchtlich davon, wie groß das verfügbare Marketingbudget ist. Ob Ihr Buch auf einer Bestsellerliste landen könnte (sicher sagen lässt sich das erst, wenn es tatsächlich soweit ist, wer etwas anderes behauptet ist ein Schelm), hängt also nur von Ihnen, Ihren Inhalten beziehungsweise Ihrer Geschichte ab. Ich kann dafür sorgen, dass Ihr Manuskript nicht wegen der schreiberischen Umsetzung auf dem Stapel für die Absagen landet – aber wenn Ihr Inhalt beziehungsweise Ihre Geschichte nicht interessant ist, dann nicht einmal das. Jemandem zu versprechen, einen Bestseller zu schreiben, ist an mangelnder Seriosität wohl kaum noch zu überbieten. Und ja, ich weiß, es gibt Leute, die das tun. Trotzdem ist es ungefähr so, wie gezielt das Los mit dem Hauptgewinn einer Lotterie kaufen zu wollen. Auch das würden wahrscheinlich alle tun, wenn es denn möglich wäre, und keiner würde mehr die Nieten kaufen. Nur noch Gewinner, nur noch Bestseller, völlig absurd.

Tun Sie mir also bitte einen Gefallen und verschonen Sie mich mit irgendwelchen Bestsellerphantasien, den feuchten Träumen all jener, die von Büchern wirklich überhaupt nichts verstehen und glauben, jemand könne mal einfach so einen Bestseller aus dem Ärmel schütteln, ganz nach dem Motto: „Ach komm, heute ist das Wetter so schön und ich habe gerade nichts anderes vor, ich schreibe mal wieder einen Bestseller“. Zugegeben, Leute, die sich noch nie ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt haben, können es wahrscheinlich wirklich nicht besser wissen. Aus den Medien hören sie immer nur von Bestsellern, über die vielen anderen berichtet ja kaum jemand, und scheinen dadurch zu dem etwas irrwitzigen Schluss zu kommen, die meisten Bücher wären Bestseller. Bitte glauben Sie mir an dieser Stelle einfach: So ist das nicht und niemand kann auf Kommando einen Bestseller schreiben – schon gar nicht aus einer fremden Geschichte, auf die er inhaltlich keinen Einfluss hat.

Jeder, der ein bisschen Einblick in die Welt des Schreibens von Büchern hat, weiß, dass es schon ein sehr großer Erfolg ist, mit einem Erstling überhaupt einen Verlag zu finden, der das Buch veröffentlicht. Das einfach als selbstverständlich zu erachten und sich gleich über Bestsellerlisten Gedanken zu machen, halte ich für Größenwahn – na gut, zumindest für unglaublich und kaum noch zu übertreffen naiv. Ihr Buch kann natürlich ein Bestseller werden, das möchte ich nicht bestreiten, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber ich habe das nicht in der Hand und Sie eigentlich auch nicht, aber eher noch als ich. Es ist Ihre Geschichte beziehungsweise Ihr Fachwissen und darauf kommt es in erster Linie an. Ich kann daraus ein professionelles Buch machen, wenn es Ihre Leser jedoch nur mäßig interessiert, dann wird es nie ein Bestseller werden, egal wie schön ich es auch geschrieben habe. Man kann einfach keine Bestseller in Auftrag geben – und gerade Erstlingsautoren sollten sich meiner Meinung nach erst einmal zum Ziel setzen, überhaupt von einem Verlag veröffentlicht zu werden.

Zu diesem Thema habe ich zwei sehr ansprechende Beispiele, die ich in solchen Fällen immer wieder gerne hervor krame weil sie auch denjenigen, die sich nur mit Bestsellern befassen, ein Begriff sein müssten: Stephen King und E. L. James („Fifty Shades of Grey“).

In der Anfangszeit seiner Karriere schrieb Stephen King sehr viele Manuskripte und reichte diese bei Verlagen ein, bevor er mit „Carrie“ den Durchbruch schaffte. In seiner Autobiografie erzählt er selbst darüber, wie er mit den Absagen der Verlage die Wände seines Arbeitszimmers tapezierte, um sich selbst einen Anreiz zu schaffen, auf gar keinen Fall aufzugeben. Auch er als vielfacher Bestsellerautor hatte mit seinem Erstling große Schwierigkeiten, überhaupt einen Verlag zu finden – und das gewiss nicht, weil die Manuskripte so schlecht waren. Hätte ihm damals ein völlig unbekannter Erstlingsautor erzählt, er wolle einen Bestseller schreiben, veröffentlicht wird das Buch ja sowieso, der hätte wahrscheinlich einiges zu hören bekommen. Könnte ich mir jedenfalls vorstellen.

Auch E. L. James war mit „Fifty Shades of Grey“ lange Zeit in den Bestsellerlisten. Ich hoffe, Sie glauben nicht, sie hätte sich einfach hingesetzt (weil gerade so schönes Wetter war und sie gerade nichts besseres zu tun hatte, Sie wissen ja …) und aus Lust und Laune diesen Bestseller geschrieben. Zuerst waren es nur einzelne Geschichten, die jedoch niemand haben wollte. James veröffentlichte diese im Internet. Etwas später wagte sie den Schritt des Eigenverlags und hatte damit Erfolg. Ihre Romane sind auch aus einer anderen Sicht ein interessantes Beispiel, denn sie sind nicht besser oder schlechter geschrieben als Tausende andere auch. Es war das Thema, das zur richtigen Zeit den Nerv der Gesellschaft traf. Sie war mit der richtigen Geschichte zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Einige Jahre früher oder später wäre „Fifty Shades of Grey“ möglicherweise weit abseits jeder Bestsellerliste geblieben.

Schreiben Sie Ihr Buch also erst einmal (oder lassen Sie es schreiben) und machen Sie sich in erster Linie Gedanken darüber, überhaupt einen Verlag dafür zu finden, sofern Sie nicht sowieso schon mit dem Gedanken an einen Eigenverlag spielen. Alles andere wird sich dann zeigen. Vielleicht wird Ihr Buch ein Bestseller, vielleicht aber auch nicht. Sich darüber Gedanken zu machen, noch bevor das erste Wort geschrieben ist, ist völlig sinnlos und schade um die Zeit. Ehrlich gestanden mache ich mir auch gar nicht mehr die Mühe, mich mit Erstlingsautoren auf diese Diskussion einzulassen. Auch das ist meistens sinnlos und immer schade um die Zeit. Wenn sich das so einfach vorhersagen ließe, würden doch auch Verlage wahrscheinlich nur noch garantierte Bestseller in ihr Programm aufnehmen, meinen Sie nicht?